Über dieses Weihnachtsdorf würde auch Greta staunen

Grün ist immer auf der anderen Seite.

Während Portugals Hauptstadt Lissabon unter Overtourism ächzt, träumen die Bergdörfer der Serra de Estrela von ein paar Dutzend Touristen mehr. Zum Beispiel Cabeça


Ehrlich gesagt, wusste ich bisher absolut gar nichts über das Centro de Portugal, die Region zwischen Douro und Tejo, zwischen Atlantik und Spanien. Wusste nicht, dass es in Portugal bis zu 2000 Meter hohe Berge, Gletschertäler und sogar ein Skigebiet gibt. Bis ich Ende November nach Cabeça kam, eines von 41 Bergdörfern, die auf kaum einer Landkarte zu finden sind und deren Einwohnerzahlen stetig sinken. Junge Leute ziehen weg, die alten wissen kaum, wovon sie leben sollen.

Da erscheint uns Célia Gonçalves wie ein Weihnachtsengel

Die junge Portugiesin aus der Bezirksstadt Seia leitet ein Projekt, das den Dörfern helfen soll, ein kleines Stück vom großen Tourismus-Kuchen abzubekommen. Mit einem Team kreativer, engagierter Leute werden gemeinsam mit den Bewohnern Ideen entwickelt, wie sich jedes dieser Dörfer „bemerkbar“ machen kann. 

Cabeça zum Beispiel, dieses winzige Dörfchen mit 170 Einwohnern, steilen Kopfsteingassen und Stiegen, einer Kirche, einer Kneipe und einer Senioren-Tagesstätte, kann sich rühmen, das erste nachhaltige Weihnachtsdorf in Portugal, vielleicht sogar in ganz Europa zu sein. 

Bei meinem Besuch sind die Dorfbewohner gerade emsig mit den Vorbereitungen für den Weihnachtsmarkt beschäftigt. Wer jetzt allerdings an Zuckerwatte, bunte Karussell mit lauter Musik, , Plastik-Spielzeug, Glühwein-Stände und mächtig Bling-Bling denkt, liegt voll daneben.

Der Weihnachtsmarkt von Cabça findet in Hauseingängen, Scheunen und Garagen statt. Jede Familie backt, brät und brutzelt ortstypische Spezialitäten. Donna Louise richtet zum Beispiel kleine Petiscos her (portugiesische Tapas). Die Schwägerinnen Adeline und Arletta backen im Steinofen Brot aus Maismehl, das sie mit Schinken, Fleisch oder Stockfisch verarbeiten. Ein älteres Ehepaar windet Kränze und steckt Sterne aus Stroh zusammen.,

Die Augen leuchten, alle sind mit Leib und Seele bei der Sache. Und sie sind stolz darauf, dass alles, was sie in Handarbeit herstellen, grundsätzlich nur aus Naturmaterialien besteht. Plastik? Verpöhnt! Die Männer suchen im Wald nach Holz, Spänen, Moos, Zweigen, Blüten und Beeren – kurz, nach allem, was sie für ihre Weihnachts-Bastelarbeiten verwenden können.. 


In einer großen Halle wird dann gemeinsam gewerkelt. Mit Herz und Hingabe. Ich darf zuschauen und in den Depots stöbern. Zwischen Bergen von Tannenzweigen und Kisten mit Schafwolle, Herbstlaub und Schleifen finde ich Josef, Maria und das Christuskind aus Stroh. Kleine „Tannenbäume“ stehen in Reih und Glied, auf ihren Spitzen Sterne, denen man erst auf den zweiten Blick ansieht, dass sie aus Maiskolben bestehen. Aus Blättern geflochtene Adventskränze werden mit Christbaumkugeln aus weißer und roter Wolle geschmückt, und Adventshäuser aus Baumrinde von innen mit LED-Birnen beleuchtet. In diesem Jahr findet der nachhaltige Weihnachtsmarkt von Cabeça schon zum siebten Mal statt. Vom 2. Adventswochenende bis zum 6. Januar werden all die Bastelarbeiten, Käse, Öl, Marmeladen, Nüsse und sogar Pralinen mit Bergaroma verkauft. 

Und die Veranstaltung wird immer bekannter. Célia erzählt stolz, dass im vergangenen Jahr schon 15 000 Besucher ins Bergdorf kamen und dass dieses Projekt schon viel bewirkt hat. Der Weihnachtsmarkt hat die Kassen ein wenig aufgefüllt, die Bewohner von Cabeça haben Selbstbewusstsein getankt, Wanderwege wurden angelegt und ausgeschildert, und es gibt sogar drei Pensionen für Urlauber, die über Nacht bleiben wollen. 

Wir müssen leider noch am selben Tag weiterfahren. „Obrigada“ und „Adeus“ rufe ich und winke den fleißigen Bastlern zu. Doch noch ehe ich bei der Tür bin, werde ich von gut zwei Dutzend Cabeçanern umringt, umarmt, gedrückt und geknutscht. Draußen ist es kalt geworden. Nur knapp über 0 Grad. Aber ich spüre die Kälte nicht. Ich bin erfüllt von der Herzenswärme dieser Dorfbewohner. 



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