Tour 1: Winsen/Luhe – Lauenburg

Von Hexenprozessen, Störchen, einer goldenen Gans und der Erkenntnis, dass Guacamole auf dem Deich am besten schmeckt



Die Wettervorhersage ist positiv, der Kalender terminfrei, und auch die Freunde haben Zeit. Ideale Voraussetzungen für eine spontane Radtour. Auch auf die Route einigen wir uns problemlos. Von Winsen an der Luhe soll's nach Lauenburg gehen. Um die 45 Radkilometer. Das ist auch für Ungeübte gut zu schaffen.!

Wir treffen uns um 10 Uhr am Hamburger Hauptbahnhof Gleis 13, schauen nach dem Wagenstands-Anzeiger – und staunen. Der Zug nach Hannover hat gleich mehrere Fahrrad-Wagons. Aus gutem Grund. Über 20 Reisende schieben ihre Räder in die Wagons und fixieren sie an den Radständern. Ich hab wenig Übung im Bahnfahren, hab bisher immer die Züge in der Schweiz für ihren super Komfort und guten Service hochgelobt. Nun bin ich positiv überrascht, wie gut auch die Züge der DB ausgerüstet sind. Und fix geht's auch. Nach 30 Minuten hält der Zug in Winsen.  Unser Radabenteuer kann beginnen.

 


 

Zunächst ein bisserl Heimatkunde im Ortskern des Städtchens, das idyllisch zwischen Lüneburger Heide und dem Urstromtal der Elbe liegt. Wir umradeln das prächtige Wasserschloss, das um 1230 als Sitz der Landesfürsten erbaut wurde und 1610 Austragungsort für Hexenprozesse war. Grusel. Auch heute ist wenig Platz für Romantik, denn in den Räumen des rotgeklinkerten Anwesens  hat das Amtsgericht seinen Sitz. 

 

Auf dem Schlossplatz erregt eine Ansammlung seltsamer Bronze-Figuren unsere Aufmerksamkeit. Sie sind dem Märchen „Die Goldgene Gans“ gewidmet. Denn die Gebrüder Grimm lassen ihre Hauptfigur, den Dummling, mit seiner goldenen Gans auch durch Winsen laufen. Und nun stehen sie da. in Lebensgröße. auf dem Schlossplatz, der Dummling voran, drei Mädchen, ein Pfarrer, ein Küster und zwei Bauern.

Wir mischen uns unauffällig dazwischen.  

 


Nach Besichtigung dieser Sehenswürdigkeiten und einer Reifen-strapazierenden Fahrt über das Holperpflaster der Altstadt radeln wir jetzt in Richtung Elbe. Doch noch bevor wir den Strom tatsächlich erreichen, macht uns ein Hinweisschild neugierig „Deutsche Storchenstraße“. Klingt interessant.

Natürlich ignorieren wir alle GPS-Daten auf unseren Handys und folgen den Hinweisen. Und tatsächlich! Im Garten eines Einfamilienhauses thront auf einem hohen Gerüst ein Storchennest – mit Inhalt: Mama Storch, Papa Storch und zwei Winzlinge. Auf einem Schild steht, dass hier schon seit 2007 Störche nisten, und das jedes Jahr zwischen zwei und vier Baby-Störche zur Welt gekommen sind. Ich erinnere mich an ein Interview mit Ost-Star Achim Menzel vor vielen Jahren. Er erzählte mir, dass sich Störche nur an Orten in besonders sauberer Luft niederlassen. Das habe ich nie vergessen – und hole atme ganz tief ein. Saubere Luft.

Jetzt ist es auch gar nicht mehr weit bis zum Deich. Hach, die Elbe! Eine Bank mit Aussicht! Wie geschaffen für unsere erste Rast! Wr sind zwar noch nicht wirklich weit gekommen, haben aber schon viel gesehen.

Ein paar Käse-Häppchen, selbstgemachte Guacamole, ein Schlückchen Rotwein. Vor uns die Elbe, über uns blauer Himmel mit Schäfchenwolken – viel schöner geht’s nicht.  

 



Picknick auf dem Deich - oberlecker


 

Frisch gestärkt kann danach auch der Wind von vorn niemanden ernsthaft stören. Fröhlich radeln wir auf dem wunderbar breiten Radweg an der Elbe entlang in Richtung Lauenburg. Allerdings hinterm Deich. Deshalb schaltet immer mal jemand zwischendurch in den 2. Gang und fährt auf den Deich rauf, um zu gucken, ob sie noch da ist, die Elbe. Wir radeln an Schafherden vorbei, verwunschen wirkenden Fachwerkhäusern, weiten Wiesen mit Klatschmohn und weiteren Storchennestern. Niemand treibt uns an, nimmt stellt sich in den Weg. Wir strampeln uns gemütlich in eine Art Radl-Trance.

Wer, wie ich, hauptsächlich das Radfahren in der Stadt gewohnt ist, fühlt sich hier wie im Paradies. Keine Ampel, kein Autolärm, nur ab und zu ein paar Radfahrer, die genauso zufrieden aussehen wie wir, und freundlich grüßen. Wie beim Wandern in den Bergen. Nur heißt es hier nicht „Grüß Gott“ sondern „Moin moin!“

 


 

Eine zweite Rast legen wir im Yachthafen von Tespe ein, wo einige Bootsleute ihre Schiffe auf Vordermann bringen. Über uns flattern ein paar Flaggen im Wind. Wir sehen den anderen beim Arbeiten zu, trinken einen Selbstgebrannten aus Schokogläsern, Energie-Schub für den Rest der Strecke. Unser Tagesziel Lauenburg ist gegen 18 Uhr erreicht. Wir schauen über die Elbe auf die malerische Schifferstadt. Allerdings haben wir wohl eine Abzweigung verpasst. Wie, zum Teufel, sollen wir auf die andere Seite der Elbe kommen?

Einzige Möglichkeit: Wir schultern unsere Drahtesel und schleppen sie eine immens hohe, steile Treppe hinauf, die auf eine Brücke trifft. Das erste Mal an diesem Tag, dass  wir etwas ins Schwitzen geraten. Aber dann ist auch schon der Bahnhof erreicht. Wir stellen die Räder ab und bummeln noch durch die schöne Altstadt. Kopfsteinpflaster, rote Backsteinhäuser, Fachwerk. Echt schön, das Städtchen.

Wir schaffen es gerade rechtzeitig zum nächsten Zug zurück nach Hamburg. Räder in den Fahrrad-Wagon, Beine ausstrecken und entspannen. Glückseliges Lächeln im Gesicht. 

Im Augenblick zieht uns nichts in die Ferne. Unsere Heimat ist wunderschön, das Wetter zeigt sich in diesem Sommer von seiner besten Seite, und wir werden es nutzen. Fernreisen waren gestern. Tagestouren mit dem Rad sind heute. 

 


Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Martina Davis (Samstag, 25 Juli 2020 09:27)

    Hallo ihr lieben Radfahrerinnen . Das ist so wunderschön anzusehen und zu lesen . Ein super „Radlbericht“. Schade , dass ich kein Fahrrad habe , ich wäre gerne dabei gewesen . Viel Freude auf weiteren Touren !!!. Angelika‘s Cousine aus Nürnberg

  • #2

    Uschi-weltweit (Sonntag, 26 Juli 2020 11:14)

    Hallo Martina, das nächste Mal, wenn Du nach Hamburg kommst, nehmen wir Dich einfach mit. Es gibt hier ja prima Stadträder zum Ausleihen! Liebe Grüße!